Eine Französische Affäre – Band 6

1. Pas de Quattre
(Franz. Tanz zu viert)

Mittwoch, 26. September, nachmittags

„Nein, Malcolm, ich bringe Bekky nur sch… MALCOLM!“
Fiona Lancaster, die gerade mit einem Stapel Hefte im Arm auf die Detektei der beiden Kiss-Schwestern zusteuerte, schrie entrüstet auf, als ihr älterer Bruder ihr doch tatsächlich verbieten wollte, bei Tageslicht ihr Apartment ohne den für sie vorgesehen Schutz zu verlassen. Sie hatte nicht einmal zwanzig Schritte zum Auto gebraucht, lief jetzt ebenfalls weniger als ein paar Meter und der Einzige, der sie unangenehm aufhielt, war Malcolm selbst. Er drohte sogar damit, ihren Vater einzuschalten, wenn sie nicht auf ihn zu hören gedachte.
„Tu was du nicht lassen kannst, Bruderherz! Sperr mich doch gleich in einen gläsernen Sarg und stell dich davor, damit nicht mal Staub in meine Nähe kommt, du …ESEL!“
Vor Wut schnaubend legte sie auf. Theodor hätte sie nicht gebeten, die Tätowiermagazine bei Rebeka abzugeben, wenn er seine eigene kleine Schwester auf dem Weg dorthin wirklich in Gefahr sah. Irgendein Enforcer war zudem immer in der Nähe, wenn es brenzlig werden sollte und ihr Blackberry war sowohl mit GPS als auch anderem technischen Schnickschnack ausgestattet, mit dem man sie auch Hunderte von Metern tief vergraben in der Erde finden würde. Oder im Weltall oder sonst wo. Malcolms Sorge erdrückte sie. Er witterte überall Verschwörung und Entführung. Sogar bei sengender Sonne in einer Wüste, wo es keine Bäume gab, hinter denen sich einer ihrer Feinde verstecken konnte und wo aus jedem Aryaner ein krosser Knuspertoast werden würde. In der nicht einmal sie selbst sich irgendwo verstecken konnte und im wahrsten Sinne des Wortes brennende Qualen leiden würde.
Gott, der blöde Vollmond machte ihre Hirnwindungen matschig. Vielleicht hatte sie heute auch einfach nur wieder zu viel Zeit vor dem PC verbracht. Die Arbeitszeiten im Callcenter in der Firma ihres Bruders waren immer so elendig lang und langweilig. Sie war für den technischen Support zuständig. Keine große Sache. Die Geräte von ML Enterprises liefen in der Regel einwandfrei. Alles wurde bis zum geht nicht mehr auf Herz und Nieren geprüft, durchlief dann noch ein- bis zweihundert Testläufe und wurde erst dann auf den Markt gebracht, wenn wirklich alle Fehler ausgeschlossen werden konnten. Überspitzt ausgedrückt natürlich.
Malcolm war bei seiner Arbeit genauso pedantisch wie bei seiner Aufpasserei. Und er wusste gern, wo sie war, also hatte sie kaum Freizeit, wenn man von den endlosen Online-Schach-Matches gegen Raynor Avery absah, der ihr damit ein bisschen die Zeit vertrieb, wenn sie beide online waren und es ruhig an der Warrior-Front zuging. Seit dem letzten Vollmond hatte sich der gute Ray allerdings ziemlich rar gemacht. Gerüchten zufolge hatte er seine Soulmate gefunden. Sie hatte ihre Eltern darüber sprechen gehört. Wenn das stimmte, war er zu beneiden. Wenn ihr Leben weiterhin in so unaufregend geregelten Bahnen verlief, dann würde sie niemand außer den Schnarchnasen kennen lernen, die ihr Vater ihr bei jeder Gelegenheit oder arrangierten Dates zu vermitteln gedachte. Sie sollte unbedingt eine gute Partie machen. Dabei stand ihr der Sinn überhaupt noch nicht danach, sich zu verbinden und eine Familie zu gründen. Sie war doch gerade erst 25 geworden. Sie wollte Spaß haben und Abenteuer erleben. Gut, vielleicht nicht die Art von Abenteuer, die die Sterling Schwestern bei Fionas Bluttaufe zum Besten gegeben hatten, aber das Leben konnte doch nicht nur aus langweiligen Abendessen und der Planung des nächsten bestehen. Sie war noch nicht bereit für eine eigene Familie. Zumindest nicht für eine, in der sie sich weiterhin so eingesperrt und überwacht fühlen würde wie in diesem Moment.
Fiona seufzte leise und stieß mit der rechten Körperhälfte die Tür zur Detektei auf, nachdem sie es gerade so geschafft hatte mit den Heften im Arm die Klinke zu benutzen. Es war Gott sei Dank offen. Theo hatte ihr die komplette Sammlung von einem Jahr mitgegeben. Seit ihrem ersten Besuch beim Sonnenkönig war Romys kleine Schwester derartig Feuer und Flamme von diesem Geschäft, dass sie Colette bekniet hatte, ihr doch bitte, bitte einen Job zu geben. Nun war sie die kleine Praktikantin von Lee Roy und seiner Frau. Eine mit den höchsten Ambitionen und einem Lerneifer, den sich ihre Schwester bestimmt von Anfang an in allem gewünscht haben mochte. Rebeka wälzte abwechselnd Chroniken der Immaculates und die Zeitschriften über Tätowiertechniken aus aller Welt, die der Sonnenkönig und Theodor ihr gaben. Sie hatte ein ehrgeiziges Ziel. Am Ende des Jahres wollte sie ihrem Freund ihr erstes Bild stechen. Solange musste sie das Schablonieren auf dem Papier üben, konnte sich irgendwann an Schweinehälften versuchen und in der Zwischenzeit zusehen, zusehen und noch mal zusehen, wie Colette und ihr Mann auf den Körpern von Unsterblichen ihre Kunst verewigten. Da bekam sie dann auch gleich die richtigen Kontakte. Bekky würde sich nie wieder vor etwas fürchten. Zumindest nicht vor den Immaculates.
„Hallo?!“, rief sie laut, damit man sie gleich hörte. In der Besucherecke, die man gleich vom Eingang ausmachen konnte, saß niemand und falls Romy sich hinter ihrem Schreibtisch in Arbeit vergraben hatte, dann würde Fiona sie nicht weiter erschrecken.
Allerdings war sie es selbst, die sich erschreckte und einen Teil der Hefte fallen ließ. Peinlich berührt, weil sie King sekundenlang für einen Aryaner gehalten hatte, kniete sie nieder, um die Magazine wieder aufzuheben. Seine langen Haare waren wie alles an ihm, ganz besonders seine Augen, ungewöhnlich.
„Entschuldigung, ich war in Gedanken.“, murmelte sie und bemühte sich, so unbefangen wie möglich zu bleiben. Ihr Vorteil war, dass sie ihm schon einmal begegnet war und wusste, dass sie nicht fürchten musste, von ihm ausgelacht zu werden. Auf der Hochzeit von Romy. Theodor hatte sie mitgenommen, damit King eine Begleitung hatte, da Rys ihn für Bekky vorgesehen hatte. Nun ja, eigentlich ging es mehr darum, die Gästezahl an der Tafel nicht ungerade zu haben und es war nicht mehr als eines dieser arrangierten Dates ihres Vaters, aber…nein, Date konnte man auch nicht sagen. Nicht mal Verabredung. Das klang so nach Bestellung aus dem Katalog. Es war einfach nur… sie war einfach nur… mitgegangen, weil man sie dazu aufgefordert hatte. Genau.
Aber es war ein sehr netter Abend gewesen. Einen, den sie zu gern wiederholt hätte. Leider hatte sich die nächste Verbindungszeremonie noch nicht angekündigt und lange es würde bestimmt nicht mehr dauern, bis er ebenfalls eine Soulmate gefunden hatte. King war nicht nur sehr attraktiv sondern sehr nett und ein aufmerksamer Gesprächspartner.
Gut, beim Essen hatten sie sich nicht groß unterhalten können und Theodor hatte es für sie für keine gute Idee gehalten, zu tanzen, während die Nachtigall sang. Zudem war der Sophos von Romana von einer Devena nach der anderen in Beschlag genommen worden. Bestimmt weil er so liebenswürdig war und offenbar nicht Nein hatte sagen können.
„Sind Romy und Rebeka nicht da?- Ich soll ihr von Theodor ein paar Magazine bringen.“, fragte sie, obwohl das offensichtlich zu sein schien. Sichtlich bemüht und plötzlich nervös, obwohl kein Grund dazu bestand, versuchte sie, die Hefte wieder zu sortieren, wobei ihr der Stapel ein weiteres Mal vom Schoß auf den Boden glitt.
Ein Glück, dass sie sich heute Morgen für Jeans zum weißen Strickpulli entschieden hatte. Da musste sie sich beim Bücken nach den Heften nicht noch mehr Gedanken über Ungeschicktheit oder Schicklichkeit machen. Könnte ihre Mutter das hier sehen, würde sie ausrasten und würde Malcolm das hier sehen, würde er sagen, er hätte Recht und sie dürfte nirgendwo alleine hingehen.

° ° °
„…Miss Kiss ist wirklich eine sehr viel beschäftigte Frau …Natürlich, ich werde es notieren und weiterleiten. Sie dürfen in den nächsten Tagen einen Rückruf erwarten. Vielen Dank, dass Sie an uns gedacht haben“, verabschiedete er die Dame am Telefon, deren Haustier anscheinend verloren gegangen war, dabei blieb er freundlich bis zum Schluss, obwohl er schon länger als fünf Minuten versuchte, die Leitung wieder frei zu bekommen.
Mit einer kleinen, steilen Falte zwischen den Augenbrauen drückte er die Taste herunter und wählte schnell eine Nummer, die er schon nach einer Minute des Gespräches am PC herausgesucht hatte, was für seine schlechten Augen schon allein eine Herausforderung dargestellt hatte. Er musste den Kontrast am Bildschirm so einstellen, dass er für Normalsichtige nicht mehr zu benutzen war.
Ein Tierheim in ihrer Wohngegend. Der kleine Schoßhund der Dame trug schließlich eine Nummer am Hals und sah bestimmt nicht wie ein Streuner aus. Sehr wahrscheinlich hatte ihn jemand auf der Straße aufgelesen und das Tierheim verständigt oder würde das bald tun. King schob die Gesprächigkeit der älteren Dame auf Einsamkeit und nicht unbedingt darauf, dass sie die Dienste einer Detektei benötigte. Sie war ein bisschen weltfremd, behütet von ihrem Ehemann, der nun leider nicht mehr an ihrer Seite war. Das Prozedere mochte ihr also wirklich nicht geläufig sein.
Es war natürlich nicht wert, einen Auftragsbogen auszufüllen, das hätte Romy auch nicht gemacht, obwohl sie ihren ersten Fall natürlich fein säuberlich festgehalten hatte. Einfach weil sie den kleinen Burschen mit den roten Haaren mochte, der ein regelmäßiger Gast in der Detektei war und die große „Tetektivin“ Romy glühend bewunderte. Natürlich erfuhr der Junge nichts von den wirklich gefährlichen Fällen. King fand es beinahe schon schade, dass die verheirateten Paare in nächster Zeit keinen Nachwuchs planten. Er liebte Kinder, er war der geborene Lehrer, auch wenn er natürlich hier nicht die Maßstäbe eines Shaolin-Klosters anlegen würde. Es gab ja noch Jackies Baby, das im nächsten Jahr zur Welt kommen würde.
King legte auf und ließ den PC zufrieden herunter fahren, da er nun sicher sein konnte, dass die alte Dame ihren Hund bald zurückbekommen würde. Und sie musste nicht einmal viel Geld dafür aufbringen. Ein offizieller Auftrag hätte sie unnötig viel gekostet. Sie konnte ja dem Tierheim eine Spende zukommen lassen, wenn es ihre finanziellen Mittel erlaubten. Er legte den Kopf schief, als er jemanden rufen hörte, dessen Stimme ihm nicht gleich bekannt vorkam, also erhob er sich von dem penibelst aufgeräumten Schreibtisch und trat in den Gang, der durch die Glasbausteinwand entstand.
Ihm war nicht bewusst, dass viele Immaculate ihn für einen Aryaner hielten. Sein Haar trug er so lang, weil es ein Zeichen seiner neuen Freiheit gewesen war, nachdem er das Kloster verlassen hatte, wo er es jahrelang abrasiert hatte. Nun gehörte es zu ihm wie seine zahlreichen Tattoos. Manch einer würde wahrscheinlich behaupten, es wäre im Kampf hinderlich, doch er konnte es durchaus als Waffe einsetzen.
Nämlich dann, wenn ihn angreifende Vampire für eine Frau hielten… Er pflegte es nicht umsonst so sorgfältig und benutzte für die Haarwäsche eine bestimmte exotisch-blumige Duftkombination, die seinen Eigengeruch etwas weicher machte. Es hatte schon oft genug Wirkung gezeigt. Auf seine vollen Lippen stahl sich ein feines Lächeln, während er der knienden Frau auf den Oberkopf blickte. An ihrer Aura erkannte er natürlich sofort, dass sie eine Immaculate war.
„Miss Lancaster! Ich entschuldige mich. Es lag nicht in meiner Absicht, Sie zu erschrecken.“
King kniete sich neben sie und griff nach dem Stapel Hefte, die er mühelos aufsammelte und geschickt zu einem symmetrischen Stapel klopfte. Dann streckte er die Hand aus und half ihr mit einem sanften Griff um den Ellenbogen auf die Beine, wobei sein offenes Haar sich nach vorne über seine Schultern ergoss, weil er sich vorbeugte, und einige der Spitzen kurz ihr Gesicht streiften.

„Oh, nein. Schon gut. Ich hatte nur gerade eine kleine Auseinandersetzung mit meinem Bruder. Malcolm.- Und sagen Sie Fiona zu mir, bitte. Miss Lancaster bin ich schon für die Angestellten meiner Eltern.“ Fiona lächelte verlegen, erlaubte sich aber schon ein klein wenig tiefer einzuatmen, als seine Haarspitzen zufällig ihr Gesicht streiften. Er hatte wirklich schöne Haare und sie rochen so gut. Ihn fragten sicher viele Frauen nach seinem Shampoo.
Er roch überhaupt sehr gut. Davon wurde ihr fast schwindelig. Aber auch nur fast. Der Moment der Nähe verflog und King war schließlich nicht von der aufdringlichen Sorte.

„Romy ist in der Fortress, es gab einen… kleinen familiären Notfall. Rebeka ist außer Haus. Ich weiß leider nicht, wohin sie gegangen ist oder ob sie gleich zurückkommt. Sie könnten die Hefte bei mir lassen. Auf dem Schreibtisch finden sich Post-its, falls Sie ihr eine Nachricht hinterlassen möchten.“, klärte King sie mit ruhiger Stimme auf, als ahnte er, dass sie nervös war.
Er lief vor und legte den Stapel auf seinem Schreibtisch ab, um dann zur Seite zu treten, falls sie auf seinem Stuhl Platz nehmen und wirklich etwas aufschreiben wollte.

„Ja, vielleicht schreib ich ihr einfach eine Nachricht. Danke.“ Fiona hatte schließlich nicht vor gehabt, lange zu bleiben. Das würde Malcolm nur richtig auf die Palme bringen und wie sie ihn kannte, wartete er bereits vor ihrer Apartmenttür, nein, schlimmer noch, in ihrer Küche bei einer Tasse von ihrem Kaffee und hatte diesen „Fiona, reiz mich nicht!“-Blick, den sie überhaupt nicht ausstehen konnte.
Sie nahm tatsächlich auf dem Stuhl Platz, auf dem er vorhin noch gesessen hatte. Noch mehr Shampoogeruch und etwas anderes hüllte sie ein. Ganz wunderbar. Es entlockte ihr tatsächlich ein verträumtes Seufzen.
„Rebeka wird schon wissen, was sie damit anzufangen hat.“ Fiona schrieb einen kurzen Gruß in Theodors Namen auf einen Zettel, den sie dann auf den Stapel legen würde.

King musste genau hinsehen, erkannte dann aber in dem Mischmasch aus Grautönen, womit sich die Magazine beschäftigten. Er erlaubte sich ein amüsiertes Lächeln, weil Rebeka wirklich eifrig bei dieser Sache war, die ihrem Kunstverständnis entgegen zu kommen schien, obwohl niemand damit gerechnet hätte.
„Noch mehr Vorlagen? Ich glaube, ich kann von Glück sagen, dass mein Soll an Tätowierungen weit übererfüllt ist!“
King lachte in sich hinein, als er daran dachte, wie Bekky ihn geradezu angefleht hatte, sich sein Tattoo ansehen zu dürfen. Es war ja kein Geheimnis, dass er die goldene Schlange auf dem Rücken trug. Sie hatte nur nicht bedacht, dass er dazu das Oberteil ablegen musste, was ihm natürlich keineswegs peinlich gewesen war.
Das Bild war von keinem König gestochen aber von einem wahrhaft Blinden. Es war so geschickt aufgetragen, dass die Schlange mit ihm gewachsen war und schließlich die drohende Angriffsposition mit dem weit geöffneten Maul eingenommen hatte. Bekky musste noch sehr viel üben, bis sie eine solche Meisterschaft erlangen würde. Und das war gut, jeder brauchte eine erfüllende Beschäftigung im Leben.

Fiona lachte bestätigend auf.
„Ja, ich glaube, da ist jemand voll in seinem Element. Ich finde es schön für Rebeka, wenn sie darin vielleicht mehr als nur ein vorrübergehendes Hobby finden kann. Sie braucht eine Aufgabe und je mehr sie sich mit uns umgibt, desto weniger Angst wird sie haben, wenn sie…“
Oh, über Rebekas Umwandlung zu sprechen, war vielleicht ein bisschen zu privat. Noch dazu hinter ihrem Rücken. Aber Fiona meinte es ja nicht böse. Sie sprach lediglich Tatsachen an und war der Meinung, dass jeder eine Aufgabe brauchte, die ihn erfüllen konnte.
„Ich glaube, Sie würde auch bei Ihnen noch eine freie Stelle finden, auf die man ein Motiv setzen könnte.“
Das war ja noch viel verwegener und sie setzte hastig ihre Unterschrift auf die Notiz, die sie hinterlassen wollte. King hatte sicher nur einen Scherz gemacht und sie hatte den Witz nicht verstanden.
„Seit der Hochzeit spricht sie von nichts anderem mehr.“
Wo sie dann bei besagtem Abend wären. Den sie aber nicht so genießen hatte dürfen, wie das bei zwei weniger gluckenhaften Brüdern der Fall gewesen wäre. Als ob auf einer Feier mit lauter Kriegern irgendjemand über sie herfallen würde. King musste ja sonst was von ihr denken.

„Die Hochzeit ist schon vier Wochen her. Kaum zu glauben, wie die Zeit verfliegt, Miss Lancaster. Es war ein sehr schöner Abend und ich konnte mich gar nicht richtig für Ihre charmante Tischgesellschaft bedanken. Es hat mich wirklich gefreut, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben!“
King lächelte aufrichtig und deutete eine Verbeugung in ihre Richtung an. Nachdem die Nachtigall ihren betörenden Gesang angestimmt hatte, war die junge Dame irgendwie vom Erdboden verschluckt gewesen. Er hätte sie zu gern zum Tanzen aufgefordert, allerdings war dann eine Dame der anderen gefolgt und er hatte kurzzeitig den Überblick verloren. Feste bei Vollmond waren eben nicht zu unterschätzen. Beim nächsten Mal vielleicht.

Fiona pinnte den selbstklebenden Zettel auf das oberste Magazin und verschränkte dann plötzlich noch nervöser aber unglaublich geschmeichelt, die Hände in ihrem Schoß.
„Es hat mir auch sehr gut gefallen, Ihnen Gesellschaft zu leisten. Danke schön.“
Gut, noch länger sitzen zu bleiben und ihn von der Arbeit abzuhalten, würde blöd aussehen. Also gab sie ihrem mondfrittierten Hirn klare, eindeutige Anweisungen. Aufstehen, Verabschieden, Rausgehen, nach Hause fahren. – Sich mit Malcolm streiten.
„Also, richten Sie Romy und Rebeka liebe Grüße aus, ja?!“ Fiona erwiderte die angedeutete Verbeugung, nachdem sie aufgestanden war und legte verabschiedend eine Hand auf seinen Unterarm. Eine nett gemeinte Geste, die ihr allerdings durch und durch ging und sich zu einem warmen Prickeln in ihrer Magengrube sammelte.
„Auf Wiedersehen, King.“ Fiona eilte an ihm vorbei aus der Tür, bereit sich mit einem wildgewordenen Bruder auseinanderzusetzen und sich endgültig von ihm hinter Schloss und Riegel bringen zu lassen. Auf das elterliche Anwesen, wo sie von morgens bis abends mit ihrem Vater streiten würde, der sie mit ihren zukünftigen Aufgaben triezen und dazu zwingen würde, mit ihrer Mutter so wundervolle Dinge wie Serviettenfalten oder welcher Wein passt zu welchem Gang üben würde. Ein Grund mehr, das Zeug nicht ausstehen zu können.

King fühlte sich leicht irritiert, auch wenn nach außen hin natürlich wie immer unter Kontrolle behielt. Sein Gesicht verriet mit keiner Regung, was er dachte oder fühlte, und seine Augen drückten niemals etwas aus außer Leere. Tief hinein zu blicken bedeutete nur, sich in dichten Nebelbänken zu verlieren. Die kurze Berührung und sein prüfender Blick in ihre Augen waren der Auslöser für einen kleinen inneren Funkenregen. Er wollte eigentlich nur wissen, welche Farbe ihre Augen hatten. Die Flut ihrer Haare hatte er als warmen Braunton identifiziert, das war vergleichsweise leicht gewesen. Bei hellen Tönen war das viel komplizierter und erforderte konzentrierte Studien, die für die Kürze ihrer Bekanntschaft etwas zu aufdringlich erscheinen mochten.
„Natürlich, Fiona! Kommen Sie gut nach Hause!“, wünschte er ihr zum Abschied. Er sah ihr mit einem wohlmeinenden Lächeln nach und setzte sich dann wieder auf seinen Platz, wo er praktisch in ihrer verbliebenen Aura gebadet wurde. Es duftete leicht nach ihr… Es war Vollmond und auch er würde sich in diesem Punkt nicht gänzlich zurücknehmen können, auch wenn ihn das Leben als Mönch große Selbstbeherrschung gelehrt hatte.
Mandelblüte… Ihm schien es plötzlich, als hätte er Visionen von unendlichen Weiten voller blühender Bäume, deren zartrosa Blütenblätter im Wind tanzten. Erneut stahl sich eine kleine Falte zwischen seine Augenbrauen und er blinzelte die unangebrachten Bilder weg, die ihm zu sehen nicht anstanden.

Die Tür hatte sich kaum hinter Fiona geschlossen, da klingelte ihr mobiles Telefon schon wieder. Malcolm.
Das reichte. Rot zu sehen, war bei einer Immaculate nicht schwer, also ließ sich Fiona gar nicht erst dazu hinreißen. Stattdessen schaltete sie ihr Telefon auf lautlos, ließ es wieder in die Handtasche gleiten und kehrte schnurstracks in die Detektei zurück.
King hatte sich schon wieder an seinen Schreibtisch gesetzt und gab keinen Aufschluss darüber, ob er überrascht war, sie schon wiederzusehen, bevor sie überhaupt richtig raus war oder ob er einfach davon ausging, dass sie was vergessen hatte. Ein klein wenig atemlos aber entschlossen stand sie da. Zuckte zuerst nur ein klein wenig hilflos mit den schmalen Schultern und beschloss dann einfach, aufs Ganze zu gehen, weil sie schließlich nichts Unanständiges vorhatte.
„Haben Sie vielleicht Lust auf ein frühes Abendessen?- Ich kenne da einen guten Laden an der Ecke, der tolle Sandwiches verkauft. Kein Zehn-Gänge-Menü aber recht gemütlich. –Natürlich nur, wenn Sie eine Pause machen möchten. Ich will Sie schließlich nicht von einem wichtigen Fall abhalten.“ Oder dazu zwingen, ihr Gesellschaft zu leisten. Außerdem nutzte sie King aus, denn wenn er ja sagte, zögerte sie schließlich die Auseinandersetzung mit Malcolm hinaus. Das war schon ein bisschen unfair. Aber Essen gehen wollte sie trotzdem gern mit ihm. Nicht nur, weil Vollmond war oder Ärger drohte.

Langsam erhob King sich von seinem Stuhl und schob ihn dann sorgfältig zum Schreibtisch zurück. Die spontane Einladung freute ihn natürlich, allerdings hätte er sie wahrscheinlich in jedem Fall angenommen, weil ihr viel daran zu liegen schien. Aus für ihn unersichtlichen Gründen.
„Ja ich kenne es, Romy und ich sind dort Stammgäste, es ist sehr praktisch, wenn man länger arbeitet.“, grinste King und umfasste sie wie vorhin vorsichtig am Ellenbogen, um sie in Richtung Tür zu geleiten. Vielleicht eine veraltet höfliche Geste, aber sie war King schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass es ihm nicht mehr auffiel, wenn er es tat.
Romy hatte ihn schon öfters vom Kochen abgehalten, wenn sie hier im Büro festsaßen und ihre Einsatzpläne durchgingen. Er wäre ja nicht ihr persönlicher Sklave und noch weniger ihr Koch, obwohl er sich in der Küche gut zu helfen wusste. King hatte nachgegeben, als er feststellte, dass der kleine aber feine Imbiss nur beste und frische Zutaten verwendete. Manchmal blieb ja wirklich keine Zeit für Einkäufe, da Romy natürlich nun die meiste Zeit bei ihrem Mann in der Fortress verbrachte und es Verschwendung wäre, den Kühlschrank allzu voll zu machen.
Draußen zog er die dunkle Sonnenbrille auf, die er in der Hemdtasche aufbewahrt hatte. Bei Romy im Büro trug er natürlich keine Mönchskluft oder Ähnliches. Dunkelgraue Hosen aus leichtem Wollstoff und ein schwarzes Hemd waren viel besser dafür geeignet, Romys Klientel zu empfangen. Er besaß zwar nicht viel dafür aber ausgesuchte Stücke. Als Künstler hatte er eben den Anspruch gehobener Verarbeitung und zog auch Naturfasern allen anderen vor. Geld war schließlich das geringste Problem für ihn, obwohl er manchmal vergaß, dass er recht ansehnliche Vermögensanlagen auf der Bank besaß, die ihm sein Freund Shane vermittelt hatte. Er hatte das Leben der Enthaltsamkeit und der Bescheidenheit, das man ihm im Kloster beigebracht hatte, nur stufenweise verlassen können und war heute immer noch sehr bescheiden in seinen Ansprüchen. Die karge Ausstattung seiner Wohnung sprach ja für sich.
Ganz gentleman-like öffnete er Fiona die Türen und rückte ihr im regen Treiben des Ladens einen Stuhl an einem der kleinen Tische zurecht. Er reichte ihr die Karte und wartete, bis sie gewählt hatte, da man hier die Bestellung am Tresen abgab. Die Bedienung brachte sie dann an den Tisch, so konnte man hier schneller arbeiten. In den Stoßzeiten ging es hier zu wie in einem Taubenschlag. Das Klientel war bunt gemischt und der Lärmpegel fröhlich erträglich, um sich nicht beim Essen beobachtet zu fühlen. Man konnte sich in Ruhe mit seinem Gegenüber unterhalten.

King war wirklich nett. Er war, wie nicht anders erwartet, genauso höflich und mit besten Manieren gesegnet, die er schon auf der feierlichen Verbindungszeremonie gezeigt hatte. Nicht aufgesetzt sondern so selbstverständlich, dass man sich in seiner Gesellschaft nur wohl fühlen konnte. So langsam begann sie aufzutauen und sich wieder ein klein wenig zu entspannen. Als Fiona unauffällig in ihre Tasche linste, leuchtete das Display ihres mobilen Telefons zwar schon wieder gespenstisch in den dunklen Tiefen von Stoff und Krimskrams, aber sie klappte einfach die ledernen Henkel zusammen und ignorierte den wahrscheinlich schon sehr wütend ausfallenden Kontrollanruf zum wiederholten Mal. Das konnte nicht ewig so weiter gehen. Wenn Fiona ihre Freiheit wollte, dann durfte sie sich nicht mehr alles gefallen lassen. Es kam ja niemand zu schaden. Noch schien die Sonne und das hier war lediglich ein freundschaftliches Essen. Zumindest sagte sie das zu sich selbst, als ihr erneut Kings gute Manieren auffielen.
Sie hatte Roastbeef zu Mixed Pickles, kalte Cola und für den Abschluss ein Stück Kuchen bestellt, zu dem sie sogar Sahne nahm, weil hier niemand auf die Idee kommen würde, sie deswegen zu kritisieren. King war nicht Malcolm. Der hätte ihr höchstens einen kleinen Salat ohne Dressing gestattet.
Das Essen kam prompt und sah höchst appetitlich aus. Fiona hätte am liebsten gleich das Besteck genommen und hineingestochen, um zu essen, bevor es ganz auf der Tischplatte vor ihr stand und King sein Gericht bekommen hatte. Bei Vollmond jagte eine Heißhungerattacke die nächste. Egal was, Hauptsache Essen. Obwohl sie schon gelernt hatte, sich zurückzuhalten. In ihrem Elternhaus war es nicht gern gesehen, wenn man außerhalb der regulären Mahlzeiten die Schränke plünderte, um sich etwas Gutes zu tun. Noch dazu mit Süßigkeiten oder Eis. Da schlug man ihr selbst als Erwachsene noch gern verbal auf die Finger.

„Hallo, King! Heute ist es ja ziemlich früh… Habt ihr Verstärkung bekommen? Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mademoiselle.“, wurden sie mit einem gut gelaunten Lächeln von der Kellnerin begrüßt, die ihre Bestellung an den Tisch brachte.
„Psst, nichts verraten, ich habe die Sandwiches persönlich zubereitet!“, setzte sie noch mit einem Zwinkern hinzu. Es wurde nach dem ersten stummen „H“ deutlich, dass die junge Frau keine Amerikanerin war, obwohl sie sich bemühte, ihre Aussprache einheimisch klingen zu lassen.

„Vielen Dank, Sid! Fiona, das ist Sid, seit sie hier arbeitet, hat sich die Klasse des Ladens dramatisch gesteigert. Sid, das ist Fiona, eine Freundin von Bekky.“, stellte King die Damen einander vor.

„Bon appetit, ihr beide!“, wünschte Sid mit einem herzlichen Lächeln und huschte dann weiter, um die nächste Bestellung an einen der Tische zu bringen. Dabei hüpfte ihr blonder Pferdeschwanz energisch auf und ab, weil sie in den weißen Sneakers, die sie zu den Jeans-Capris und dem blau-weiß-karierten ärmellosen Hemd trug, einen so schwungvollen Gang hatte. Typisch europäisch eben, was sie nicht einmal verbergen konnte, wenn sie keine Absätze wie sonst trug.

„Danke, gleichfalls.“ Fiona lächelte Sid erfreut an.
„Das Essen sieht wunderbar aus. Ich bin sicher, es wird genauso gut schmecken.“ Fiona sah Sid immer noch lächelnd hinterher. Eine Frau, die ganz offensichtlich wirklich Spaß an ihrer Arbeit hatte. Sie war zu beneiden.

King wandte sich mit einem warmen Lächeln dann wieder an seine Begleitung: „Ich sagte ja, dass wir hier Stammgäste sind. Wir haben Glück, Sid ist ein Genie in der Küche…“ Sie waren immer nur kurz ins Gespräch gekommen, so dass er nicht viel über die hübsche Bedienung wusste. Nur dass sie erst seit ein paar Wochen in den Staaten weilte und sich ähnlich wie er zu seiner Anfangszeit erst akklimatisieren musste.

Fortsetzung: Band 6 – Eine französische Affäre

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