Die Saat der Makellosen – Band 1

1. Vorwort

Sie existieren seit Anbeginn der Zeit… Als die Evolution sich dazu entschloss, den Homo Sapiens hervorzubringen, entwickelte sich eine verwandte Spezies einen Schritt weiter und wurde zu einem perfekten, nachtaktiven Jäger.
Über Jahrhunderte hinweg tauchten die sogenannten Blutjäger unter, sobald die Sonne aufging, da ihre übermenschlichen Kräfte im Angesicht des Tageslichts schwanden. In vielen Kulturen wurden sie als Gottheiten verehrt, zu anderen Zeiten von den Menschen gefürchtet. Sie sind Stoff unzähliger Legenden und zu vielen Gelegenheiten falsch verstanden und erbarmungslos gejagt worden.

In dem Volk der reinblütigen Vampire ergab sich noch vor Beginn der Bronzezeit eine Spaltung, aus der die beiden Völker der Immaculates und die Aryaner hervorgegangen sind. Die Immaculates wollten neue Wege beschreiten, um den Erhalt der Spezies zu gewährleisten, sie besaßen eine Affinität zu gewöhnlichen Sterblichen, unter denen sie besondere Menschen aufspürten, mit denen ausgesuchte Krieger und andere herausragende Vertreter der Rasse Verbindungen eingingen, die gesunde und starke Vampire hervorbrachten.

Durch die stetige Vermischung des Genpools erwuchs daraus die besondere Rasse der Breeds, die von den Immaculate Kriegern beschützt wird. Es ist Tradition, dass die Krieger der Häuser, die sie hervorgebracht haben, sich mit ihrer Seelenverwandten aus der Rasse der Breeds verbinden und daraus zukünftige Beschützer entstehen. Durch stetige Anpassung sind die Immaculates in der Lage, sich unbeschadet im Tageslicht fortzubewegen, solange sie ihre Augen vor direktem Lichteinfall schützen.

Die Aryaner hingegen – ihrer Ansicht nach die einzig wahre Gattung – lehnen Menschen als ihrer unwürdig ab und halten an den alten Traditionen und Wegen fest. Sie sind in Clans organisiert, denen immer ein Lord vorsteht, dessen Wort für alle anderen Gesetz ist.
Sie scheuen sich nicht davor, Menschen auszubeuten und für ihre Zwecke zu missbrauchen. Ihnen geht der Schutz der eigenen Spezies über alles. Aryaner verbieten sich jeglichen Kontakt zu ihren Erzfeinden, den Immaculate, besonders wenn es dabei um ihre Frauen geht, da diese unter strengster Aufsicht stehen, um den Fortbestand der eigenen Rasse zu sichern.
Der Unterschied zwischen den beiden Vampirrassen zeigt sich besonders in ihrer Gesellschaftsstruktur. Den jeweiligen Häusern der Immaculates stehen Frauen vor, während die Aryaner patriarchalisch organisiert sind und das Wort ihrer Frauen nichts zählt.

2. Prolog

New York, heutige Zeit, Sommersonnenwende; Donnerstag, 21. Juni, abends
Castle Harpyja, Catskills, Upstate New York

Die alten Riten besaßen hier in diesem eindrucksvollen Gemäuer noch große Bedeutung. Von außen betrachtet passte das alte Schloss mit den unzähligen Türmen und Bögen mehr in ein Märchen denn in die Wirklichkeit, obwohl es der normalsterblichen Welt kaum zugänglich war.
Das Castle war durch ausgeprägte übersinnliche und magische Fähigkeiten der Schlossherrin vor Blicken geschützt und nur für die besondere Spezies der Vampire sichtbar. Trotzdem hatte man es in den entlegenen Catskills aufgebaut, da nicht nur wohlmeinende Vampire existierten. Hier residierte nämlich die höchste spirituelle Macht der Immaculates, die Älteste im hohen Rat der Vampire, die durch ihr beträchtliches Alter immense Kräfte in sich gesammelt hatte: Das Orakel.
In dem großen Saal, den man in früheren Zeiten für Krönungszeremonien genutzt haben mochte, hatten sich die ranghöchsten Vampirfamilien und das Gefolge des Orakels versammelt, um ein neues Zeitalter zu begehen. Man feierte The Seventh of the Seventh Bloodrite, das alle 49 (Sieben mal Sieben) Jahre zur Sommersonnenwende begangen wurde. Die Zeremonie ehrte die Immaculate Warrior und man weihte die Bräuche und Riten mit Blut, das auch in der modernen Zeit eine besondere Bedeutung für die Vampire besaß.

Eine Dame, deren Alter schwer bestimmbar war, weil ihr Gesicht zwar einige Falten aufwies, aber dennoch von ätherischer Schönheit war, saß vollkommen in weiße Gewänder gehüllt auf einem prächtigen aus dunklem Stein gehauenen Thron, der mit funkelnden Edelsteinen geschmückt war, die im Schein der Fackeln glitzerten. Ihre Lippen umspielte die Andeutung eines Lächelns, während sie die Gästeschar überblickte, die auch zu ihren Ehren gekommen war. Unter dem altmodischen Gewand trug sie allerdings ein Kostüm ihres Lieblingsdesigners, Yves St. Laurent, da sie zwar so alt wie Methusalem sein mochte, aber durchaus einen Blick für die Vorteile besaß, die die Neuzeit mit sich gebracht hatte.

Im Raum war es bis auf die brennenden Fackeln, die in vergoldeten Halterungen in den Wänden steckten, stockdunkel, da auch Vampire zugegen waren, die das Sonnenlicht nicht vertrugen. Es waren zum größten Teil treue Bedienstete der Gäste und ihr eigenes Gefolge, die zur Feier des Tages ebenfalls weiße Umhänge trugen.
Der dunkel gewandete Zeremonienmeister, der neben den beinahe deckenhohen, mächtigen Eingangstüren mit den schweren Eisenbeschlägen stand, schlug mit seinem wuchtigen Stab auf den Boden, so dass sich schon nach dem zweiten Dröhnen Stille über die Gäste senkte, die bisher in kleinen Grüppchen zusammengestanden hatten und sich nun an den langen Wänden entlang aufstellten, so dass sich zwei lange Reihen bildeten, die einander über den Raum hinweg in die Augen sehen konnten.
Das Orakel hob die feingliedrige Hand und auf ihr Zeichen hin glitten die Türen auseinander, um den Blick auf sieben Männer frei zu geben, die in einer Dreiecksformation geschlossen den Raum betraten. Sie waren alle in Lederhosen gekleidet, trugen schwere Stiefel und ihre nackten, muskulösen Oberkörper glänzten von dem kostbaren, duftenden Öl, mit dem sie einige der Dienerinnen des Orakels eingerieben hatten, weil es zum heiligen Ritual gehörte.

An ihrer Spitze lief der grimmig dreinblickende Theron Harpia, der die Immaculate Warrior anführte. Er wurde von Orsen Halos und seinem jüngeren Bruder Chryses geflankt. Dahinter liefen Jagannatha Draco und Ashur Fontanus. Den Abschluss bildeten die jüngsten Krieger Damon Arcus und Raynor Averon. Diese Krieger waren der Krönung der Schöpfung ihrer Art. Stark, mächtig, intelligent und entschlossen. Und der Grundstock für eine sichere Zukunft ihrer Rasse.
Etwa fünf Meter von dem Thron entfernt blieben die Krieger stehen, beugten synchron das rechte Knie und hoben ihre Schwerter mit einem Schwung über ihre Köpfe, um deren Spitzen dann neben dem gebeugten Knie auf den Boden aufkommen zu lassen. Ihre Köpfe hielten sie gesenkt, um dem Orakel ihre Reverenz zu erweisen. Dies war die einzige Gelegenheit, bei der die Warrior eine so demütige Haltung einnahmen, da sie in ihrer Aufgabe als Beschützer der Immaculates dem Orakel sonst gesellschaftlich gleichgestellt waren.

Die Blicke der Patronas der Häuser, denen die Warrior entstammten, ruhten stolz oder liebevoll auf dem Bild, das die athletischen Krieger boten. Es war eine Ehre für das jeweilige Haus, einen Krieger hervorgebracht zu haben. Und das alte Haus der Harpia hatte in diesem Zyklus sogar zwei gestellt, so dass Devena Lilith ihre Söhne mit vor Stolz und Liebe leuchtenden Augen betrachtete.
Man würde sie für ihre zukünftigen Aufgaben segnen und gleichzeitig ihre bisherige Arbeit würdigen. Diese Krieger zogen nicht nur mit Waffen in den Kampf, sie benutzten ihren Intellekt, um die Vampirrasse der Immaculates an das neue Jahrtausend anzupassen. Sie waren Vorbilder und höchst verehrte Mitglieder der Gesellschaft.

Das Orakel erhob sich und schritt die Steinstufen herunter, um an deren Ende stehen zu bleiben und beide Arme gen Decke zu heben, wobei sie in einer alten Sprache, die beinahe schon vergessen worden war, einen Willkommensgruß sprach. Als ihre Hände schließlich wie zum Gebet gefaltet vor ihrer Brust ruhten, wurde rechts von ihr eine weitere Tür geöffnet, wo mehrere Männer einen angeketteten Mann, der sich heftig gegen seine Fesseln und Wärter wehrte, in den Raum zogen, der plötzlich von schweren Schritten und gezischten beinahe tierisch anmutenden Lauten angefüllt war. Einige der Krieger umfassten die Griffe ihrer Kurzschwerter fester, ansonsten zeigten sie keinerlei Reaktion auf den Gefangenen, den sie selbst in der Nacht zuvor ins Castle gebracht hatten, wie es der alte Ritus verlangte.
Die schwarz gekleideten Enforcer schleiften den Mann vor das Orakel, das sofort angefaucht und beschimpft wurde, was die Dame mit einem nachsichtigen Lächeln zur Kenntnis nahm. Ihre Augen leuchteten plötzlich rot in ihrem Gesicht auf und verliehen ihr eine unheilvolle Aura, obwohl sie kurz zuvor noch wie die Sanftmut in Person gewirkt hatte. Der Gefangene ging vor ihr auf die Knie und seine Ketten fielen vom ihm ab, als hätte sie eine unsichtbare Hand von ihm gelöst. Er musste sich auf seine beiden Hände auf dem Boden stützen und rang schwer nach Atem. Er kniete genau über einem in den dunklen Granit gehauenen verschlungenen Tiefrelief, in dem man ein Pentagramm und andere magische Zeichen erkennen konnte, die mit Goldfarbe ausgemalt waren.

„Du hast unzählige unschuldige Menschen auf dem Gewissen, Aryaner! Du weißt, dass dich die Todesstrafe erwartet, wenn du die Jagd auf die von uns geschützte Rasse nicht einstellst. Wirst du den Schwur leisten, dich in Zukunft von den Menschen fernzuhalten und den Gesetzen der Immaculate zu folgen?“, fragte das Orakel mit glühenden Augen.

Der Kopf des Mannes ruckte nach oben, als hätte ein Puppenspieler an einem unsichtbaren Band gezogen. Sein Gesicht war zu einer wütenden Fratze verzogen und mit Schweiß und Blut bedeckt, das noch von seinem letzten Opfer stammte. Sein Mund war weit aufgerissen und seine langen Fangzähne, die schon so viel Tod gebracht hatten, blitzten gefährlich im Feuerschein auf. Seine Augen loderten in einem hasserfüllten Rot, weil er versucht hatte, seine Fähigkeiten gegen das Orakel einzusetzen, aber an ihrer Stärke gescheitert war, so dass das rote Glühen sich bei ihm nur ein paar Millisekunden gezeigt hatte. Dafür spuckte er vor sie auf den Boden, um seine Abneigung gegen die Frau deutlicher zu untermalen.

„NIEMALS! Wir sind die einzig Würdigen! Ich diene nur meinem Herrn und Lord! Du kannst zur Hölle fahren, alte Frau!“, spie er ihr verächtlich entgegen und dann lachte er ein beinahe geistesgestört klingendes Lachen, das von den hohen Decken des Raumes unheimlich widerhallte.

Das Orakel reagierte scheinbar nicht auf die Beleidigung des Mannes, sie sandte nur einem der Krieger eine mentale Botschaft, dass es an ihm war, den bereits gefällten Richterspruch zur Vollendung zu bringen. Der zum Tode Verurteilte erhielt immer noch eine letzte Chance, seine Sünden zu bereuen, obwohl sie im Falle von Aryanern meist nicht genutzt wurde, aber man hielt an dem Prozedere fest, obwohl die Aryaner niemals das Wort einer Frau respektieren würden. Es blieb immer die Hoffnung auf eine positive Veränderung.

Damon Archer erhob sich geflissentlich und trat neben den Gefangenen, der eben aus der Starre entlassen wurde, mit dem das Orakel ihn belegt hatte. Warrior töteten niemals wehrlose Opfer. Ein Enforcer reichte dem Gefangenen ebenfalls ein Kurzschwert, damit er sich verteidigen konnte. Er hatte in seiner blinden Wut keine Aussicht den trainierten Kämpfer zu schlagen, der darauf zu brennen schien, seine Aufgabe zur Zufriedenheit seiner Zuschauer auszuführen.
Es hatte einen guten Grund, diese Tradition aufrechtzuerhalten, denn die friedlich lebenden Vertreter der Familien sollten nicht vergessen, dass in der Welt Gefahren auf sie lauerten, denen sie ohne den Schutz ihrer Krieger hilflos ausgeliefert sein würden. Es war ein blutiger Kampf, kein heiliges Ritual, an dem die Familien in regelmäßigen Abständen teilnahmen. Manchmal musste man die einfachen Bürger daran erinnern, dass ihre Feinde immer noch in den Schatten lauerten, ansonsten drohte die Gesellschaft, von Bequemlichkeit überkommen zu werden und sich zu sicher zu fühlen.

Der Kampf dauerte nicht lange, der Gefangene endete mit dem Gesicht auf dem harten Untergrund und Damon schlug ihm mit einem Hieb seiner Klinge den Kopf ab, so dass sich aus seiner Halswunde ein Schwall Blut auf den Boden ergoss und in die dort eingebrachten Ornamente floss. Das Orakel fiel auf die Knie und tauchte beide Hände in die dunkle sirupartige Flüssigkeit, so dass ihre Ärmel den Boden berührten und sich ebenfalls mit dem Blut vollsogen. Sie warf den Kopf zurück und ihre weit aufgerissenen Augen leuchteten röter denn je, als sie von krampfartigen Anfällen durchgeschüttelt zu werden schien. Ihre eigenen Fangzähne wuchsen aus ihrem fein gezeichneten Mund und sie murmelte alte Beschwörungen.

Noch bevor Damon reagieren konnte, war die Dame mit einer überraschenden Behändigkeit aufgesprungen und hatte ihre rechte Hand quer über seine Brust gezogen, so dass sich ihre langen Fingernägel in sein Fleisch gruben und sein Blut sich mit dem des Toten vermischte.
Sie taumelte etwas und Damon fing ihre zierliche Gestalt instinktiv auf, obwohl sie ihn kurz zuvor angegriffen hatte. Es war aber ihr Privileg, Blutopfer zu fordern, das er ihr nicht verwehren durfte. Nicht in dieser besonderen Nacht.

Das Orakel wandte ihr Gesicht abrupt in Richtung Theron Harpia, der seinen Blick zu ihr anhob, weil er ihre Aufforderung mehr gespürt denn gehört hatte. Sie sprach alte Worte, die nicht mehr viele verstanden und sein Gesicht wurde noch düsterer, wenn das überhaupt möglich war.
-Sprich die Worte für alle verständlich, Warrior!-, wurde er aufgefordert und er kam ihrer Bitte widerwillig nach, weil auch er das Orakel respektieren musste und sie zudem noch eine Urahnin war, deren familiären Zorn er sich nur ungern zuziehen wollte.
Theron erhob sich, während er den Blick des Orakels festhielt und sprach die Übersetzung der alten Sprache mit seiner weittragenden tiefen Stimme, die bis in den letzten Winkel des zeremoniellen Raumes drang.

„Die Zeit des Wandels hat begonnen… Zwei verlorene Seelen kehren zurück an den Ursprung… Eine neue Generation der Krieger wird unsere Zukunft sichern… Das Schicksal der Krieger wird sich von Neuem erfüllen, wie es in den alten Schriften festgehalten steht.“
Diese Prophezeiung dürfte alle Warrior bis auf Orsen bis in die Grundfesten erschüttern, wenn ihnen überhaupt gleich klar geworden war, was das Orakel damit meinte. Die Zeit des Wandels. Eine nette Umschreibung für dieses Jahr, wahrscheinlich noch vor der Wintersonnenwende. Die Dame drückte sich nur gerne etwas rätselhafter aus. Theron konnte es nicht glauben, dass sie Recht haben sollte. Die Zeiten hatten sich immerhin geändert, sie konnten doch nicht ewig nach den alten Traditionen leben.


Zwei Stunden später

Das Ritual war mit einer spirituellen Säuberung beendet worden, der dann noch ein reinigendes Bad gefolgt war, wie es die Traditionen vorschrieben, wobei die Krieger von den Dienerinnen des Orakels umsorgt wurden, sofern sie das wollten. Allerdings stand Theron gerade nicht der Sinn nach weiblicher Ablenkung, da ihm das Orakel gerade eröffnet hatte, dass er bald seiner Pflicht nachzukommen hatte. Er konnte nicht anders, als sich persönlich angesprochen zu fühlen, er war schließlich der Anführer der regierenden Riege von Kriegern.
Eine lästige Pflicht, die seine Aufmerksamkeit von der wichtigen Aufgabe ablenken könnte, die er mit dem gebührenden Ernst ausfüllte. Es ging schließlich nicht nur darum, Blut zu vergießen. Das war eben unvermeidlich, weil ihre Gegner sich nicht scheuten, wehrlose Menschen oder Immaculates abzuschlachten. Es geschah aus Notwehr, denn jegliche Verhandlungsversuche waren bisher immer gescheitert. Die Lords der Aryaner an einen Tisch zu bringen, war unmöglich, da sie auch untereinander um eine Vormachtstellung kämpften.

Theron war auf jeden Fall froh, dass das Ritual nicht jedes Jahr stattfand, ihm kam die Zeitspanne von 49 Jahren schon kurz genug vor. Er betrat den großen Salon, in dem sich die Mitglieder der Gesellschaft versammelt hatten, bevor man das Essen reichte, das erst nach Sonnenuntergang und Eintreten der Dunkelheit kredenzt werden würde. Theron verschmähte den gereichten Champagner und durchschritt den Raum, um auf direktem Wege die Bar anzusteuern, wo er schon seinen Mitstreiter ausmachen konnte, der sich ebenfalls umgezogen hatte.
Sie wollten schließlich nicht in ihrer Kampfmontur essen. Er selbst trug einen dunkelblauen Anzug von Armani, der sein bevorzugter Designer war, wenn er nicht gleich maßschneidern ließ. Orsen nickte ihm über die Menschenmenge hinweg zu, da er selbst unter Vampiren eine Ausnahmeerscheinung mit seinen über zwei Metern Körpergröße war. Zurzeit trug er einen kahl rasierten Schädel zur Schau, mit dem er seine Frau vor einiger Zeit gehörig verstimmt hatte, weil er seine vollen dunklen Haare sonst als wallende Mähne getragen hatte.

Sie standen bei seiner Mutter und unterhielten sich mit den eigens für das Bloodrite angereisten Kindern, die sich in der Welt verstreut hatten, nachdem sie flügge geworden waren. Ron lächelte sauertöpfisch, weil seine Mutter von ihm auch Nachwuchs erwartete, den Orsen so zahlreich produziert hatte. Wenigstens konnte Devena Lilith nicht ihren jüngeren Sohn als gutes Beispiel verwenden, da er genau wie Ron keinerlei Anstalten machte, eine Familie zu gründen.
Sicherlich hatten sie alle Nachkommen gezeugt, wie es unter den Immaculates üblich war, doch ohne eine Verbindung der Seelen, verblieben die Kinder immer bei der Mutter. Vor allen Dingen wenn es sich dabei um Breed-Frauen handelte. Es war ihre Pflicht, die Rasse zu vermehren und starke Nachkommen zu zeugen, aber bisher hatte er gedacht, dem finalen Schritt entkommen zu können.
Das Orakel hatte ihm nie einen Hinweis darauf gegeben, dass es eine Soulmate für ihn geben könnte. Sie hatte allerdings recht allgemein gesprochen und somit die anderen Krieger gemeint haben können. Aber hätte sie ihn dann die Worte übersetzen lassen, wo es genug andere Anwesende gab, die die alte Sprache auch verstanden hatten? Nathan zum Beispiel. Es lag sicher nur daran, dass er als Anführer der Warrior diese ziemlich unwillkommene Ehre zuteilgeworden war.
Ron nahm das Glas, das Ash ihm eingeschenkt hatte, mit einem dankbaren Lächeln entgegen. Der hochprozentige Inhalt würde das ungute Gefühl in seinem Magen fortspülen, das die Prophezeiung hinterlassen hatte.

„Nicht zufrieden mit dem Ergebnis?“, fragte Ash, der einen flüchtigen Blick über die Gäste warf und Damon in der Menge entdeckte. Natürlich von Damen umringt. Er hatte ja auch seinen großen Moment gehabt, der den jüngeren Vampirdamen garantiert einige Seufzer entlocken würde.

Ron kniff die Augen zusammen und nahm einen tiefen Schluck des goldbraunen Getränks, dessen Brennen er kaum in der Kehle spürte.
„Ich nehme es eher als einen familiären Hinweis darauf, dass ich meinen Pflichten bisher nicht zur Zufriedenheit der Patrona nachgekommen bin.“, antwortete er mit einer Stimme, die eine Oktave in den Keller gefallen zu sein schien.

Ash räusperte sich, um das Lachen zu unterdrücken, das ihm gerade in der Kehle aufstieg. Ihr Anführer war ein äußerst pflichtbewusster Mann, der sich nun in einer Zwickmühle befand. Theron Harpia würde niemals in den Sinn kommen, sich vor seinen Aufgaben zu drücken. Er selbst saß ja anscheinend im selben Boot, doch warum sollte er sich Sorgen um Dinge machen, auf die er kaum Einfluss nehmen konnte?
Sorgen konnte er sich noch früh genug. Er nickte in Richtung Bone und dessen bezaubernder Frau.

„So schrecklich kann diese lästige Pflicht doch nicht sein… Ich dachte, du magst Jackie.“
Dieser Ausspruch veranlasste Ron tatsächlich zu einem kleinen Lächeln.

„Sicher. Sie ist die Beste. Ich bezweifle allerdings, dass es heutzutage noch Frauen ihres Kalibers gibt.“
Ash zog die Augenbrauen hoch und hob sein Glas fragend in Rays Richtung, der eben ganz in Schwarz gekleidet den Raum betrat und sofort auf sie zukam, ohne sich nach den Damen umzudrehen, die ihn und seine düstere aber geheimnisvolle Aura unwiderstehlich fanden.

„Ach? Du bist doch der Erste, der mit der Zeit geht, Ron. In diesem Punkt hätte ich etwas anderes von dir erwartet.“, gab er erstaunt zurück, dass sich sein Kampfgefährte beinahe altmodisch zu seinem Frauenbild äußerte.
Dabei war die ehemalige Comtesse Jacqueline du Barry mitnichten ein Hausmütterchen, wie es Theron dargestellt hatte. Oder meinte er etwas anderes?
Als Ray zu ihnen aufschloss und Nathan ebenfalls den Raum betrat, wurde Ron allerdings von einer Erwiderung enthoben.

. . .
„Oh mein Gott, Damon! Das ist Kohshin Satoh! Den liebe ich!“
Tulip spitzte ihre rot geschminkten Lippen zu einer zuckersüßen Schnute der Bewunderung, während sie Damons schwarzen Anzug von oben bis unten mit einem gierigen Glitzern in den whiskeyfarbenen Augen begutachtete und schließlich selbst Hand an den Stoff legte, indem sie den großen Krieger am Revers packte und der Bequemlichkeit wegen zu sich herunterzog. Sie war stark, aber längst nicht so sehr wie er, auch wenn sie zu einer der angesehensten Familien in den Reihen der Immaculates gehörte.

Tulip hatte ein liebes Gesicht, das ihr teuflisches Innerstes Lügen strafte und wundervolles, langes rotes Haar. Sie trug eine magentafarbene Seidenkreation von Galliano und war vom Scheitel ihrer aufgesteckten Haare bis zu den Spitzen ihrer süßen kleinen Schühchen absolut perfekt. Eigentlich eine Frau, von der man nicht genug haben konnte und doch entlockte sie Damon heute Abend nicht mehr als ein nachsichtiges Lächeln. Tulip hatte sich von ihm schon mehrmals erobern lassen. Langsam wurde sie ihm lästig. Falls sie sich Hoffnungen machte, sich mit ihm verbinden zu dürfen, würde er sie leider enttäuschen müssen. Er war kein Mann für eine Frau. Er wollte alle und sie wollten ihn.
Es war ja nicht so, dass er es über die Jahrhunderte hinweg nicht versucht hatte, treu zu sein und ein Heim für sich zu finden, aber die Umstände, oder sollte er es einfach Schicksal nennen, hatten sich immer wieder gegen ihn verschworen. Für ihn gab es weder ein Heim, noch eine Frau, die nur ihn liebte und nicht seinen Status als Krieger in der angesehensten Gilde ihrer Welt, also auch nichts, um das er sich wirklich Sorgen machen musste. Es war ganz gut, mal ein Jahrhundert lang mit dem Denken auszusetzen, wie Nathan es scherzhaft aber so treffend für ihn formuliert hatte. Ohne Gehirn konnte man wesentlich mehr Spaß haben.

„Wo ist deine Schwester, Tulip?“, fragte Damon, kaum interessiert an dem, was sie sagte, und ignorierend, wie Tulips feingliedrige Finger von seinem Kragen aus immer tiefer wanderten.

„Oh, Damon, warum interessierst du dich für Jinx, wenn du mich haben kannst?“
Tulip schlang die Arme um seinen Hals und der maulende Unterton eines Kleinkindes in ihrer Stimme machte ihn aggressiv. Etwas rüder als beabsichtigt zog er prompt ihre Arme fort.

„Nicht hier, Tulip. Man kann uns sehen.“

„Spielverderber.“
Sie war so viel jünger als er, aber bei weitem nicht so unschuldig, wie sie einen glauben machen konnte. Damons Blick traf auf seine Kampfgefährten, die sich um Theron versammelten und ihn beobachteten.

„Du vergisst, warum wir hier sind, Schätzchen.“
Damon versuchte, etwas mehr Nachsicht walten zu lassen, doch er hatte mittlerweile die zierliche, strahlende Erscheinung von Tulips Schwester Jinx ausgemacht, die ihren Auftritt ebenfalls in Galliano absolvierte, allerdings eine weitaus dezentere Kreation in schwarzweiß gewählt hatte. Sie trug Handschuhe dazu. Lange, schwarze Handschuhe aus Lackleder.
Damons Sinne schossen sich sofort auf die andere ein. Jinx war blond, hatte ein perlendes Lachen, das, wenn sie scharf auf ihn war, ein wenig an spitze Glasscherben erinnerte und noch jünger und hübscher als Tulip. Über die Köpfe der anderen umher stehenden Gäste hinweg fing er ihr Lächeln ein.

-Tut es noch weh?-
-Was?-
-Das Mal des Orakels.-
-Nein.-
-Gut.-

Jinx’ Lächeln wurde etwas breiter und Damon spürte eine Hitzewelle über sich zusammenbrechen.
Es war wie die Berührung eines Schmetterlings. Zart durch den Raum flatternd und nur eine Sekunde lang spürbar, bevor ihr Gesicht wieder zu dieser unnahbaren Miene gefror, die sie so gern zur Schau stellte. Jinx gab sich nicht mit jedem ab. Kalt wie ein Eiswürfel. Sie war noch schwerer zu erobern als ihre Schwester. Eine harte Nuss sozusagen. Aber diese zu knacken, war seine Spezialität. Heute Abend würde es soweit sein. Heute Abend würde er Jinx mit nach Hause nehmen, wenn die Party hier vorbei war. Allerdings musste er dazu erst einmal Tulip loswerden. Und das war leichter gesagt als getan. Damon war es, als spürte er Spott in Jinx’ Blick und er dachte, sie würde ihre telepathische Unterhaltung fortführen, doch sie wandte sich einem anderen Mann ihrer Spezies zu, der ihr nicht einmal annähernd das Wasser reichen konnte, sich aber sehr bemühte, ihr zu gefallen und diensteifrig ein Glas Champagner für sie zu holen gedachte. Damon verspürte fast schon so etwas wie Enttäuschung, dass man sich so schnell von ihm abwandte.

. . .
Nathan zog ungemütlich an der Krawatte seines Anzugs. Dieser war nichts Besonderes. Dahinter stand kein vollkommen überteuert verkaufter Name. Vor fünfzig Jahren hatte er ihn bei einem Herrenausstatter für seine Maße anfertigen lassen und trug ihn nur für besondere Gelegenheiten wie dieser hier. Wenn das Orakel rief, hatten sich die Warrior in Schale zu schmeißen. Dabei gab es so viel wichtigere Dinge zu tun, als das Zelebrieren irgendwelcher Feste, deren Hintergründe vollkommen veraltet waren und einer Überholung bedurften. Natürlich sagte der Warrior Jagannatha solche Dinge niemals laut, doch er stimmte mit den Ansichten seines Anführers Theron überein, dass in diesen Tagen der Welt die Uhren ein klein wenig anders liefen als gewohnt.

Nathan sah gut aus, wenn auch altmodisch in dem schon etwas fadenscheinig werdenden Stoff, aber Smoking war Smoking und er gab sein Vermögen lieber für diejenigen aus, die es dringender brauchten als er selbst. Waisenkinder, Obdachlose, Jugendliche, die eine weitere Chance in ihrem Leben brauchten, obwohl sie schon hundert andere in den Wind geschlagen hatten. Reverend Nathan Drake war sehr, sehr geduldig. Das lernte man in den Zeiten des Krieges. Wenn man viele solcher Zeiten hinter sich hatte, dann wusste man den Frieden umso mehr zu schätzen. Er versuchte, zu vermitteln, wo es nur ging. Nicht nur unter Seinesgleichen sondern auch draußen auf der Straße. Unten in Hell’s Kitchen, wo er in einer alten, vormals baufälligen und nun komplett renovierten Kirche ein Waisenhaus, eine Suppenküche und eine Schule für mittellose Kinder und Jugendliche eingerichtet hatte. Mit Hilfe einiger Freiwilligen und ein paar Nonnen unterrichtete er unter dem Deckmantel eines Priesters selbst. Dass er kein richtiger Priester sondern genau das Gegenteil war, musste niemand wissen, solange er Gutes tat und sich nicht von irdischen Schwächen verleiten ließ. Vor ihm hatte sich niemand außer den Feinden der Immaculates zu fürchten. Reverend Drake war ein sehr umgänglicher, freundlicher, fast schon zurückhaltender Zeitgenosse mit einem scheinbar schier unerschöpflichen Wissen und einem Tatendrang bis zur Selbstaufgabe.
Er hatte seiner Meinung nach einiges wieder gutzumachen, obgleich er manchmal selbst nicht so genau zu wissen schien, was er eigentlich damit meinte.

„Guten Abend, Gentlemen.“, begrüßte er seinen Anführer, Ray und Ash, die sich eben noch unterhalten hatten und jetzt verstummten. Hoffentlich nicht über ihn. Wohl eher über Damon, der sich wieder einmal in charmanter Gesellschaft befand. Ein verschlagenes Lächeln umspielte seine Lippen und er schlug den Champagner aus, den ihm einer der Bediensteten des Orakels anbot. Wenn er später nach Hause ging und einer der Schwestern in die Arme lief, wollte er nicht nach Alkohol riechen.
Rys löste sich aus einer Gruppe von Gästen und gesellte sich ebenfalls zu ihnen. Nathan begrüßte ihn mit Handschlag.

„Wo bleiben die Computer für meinen Informatikraum, Chryses? Die Kinder warten darauf.“

Rys verzog sein Gesicht zu einem angestrengten Lächeln. „Frag meinen Bruder oder Ray, der ist für solche Ausgaben zuständig. Ich bin nur der Handlanger und du willst unbedingt gebrauchte. Es wäre für uns wesentlich einfacher, wenn du eine großzügige Spende der Eagle Corp. annehmen würdest, statt dich selbst immer so einzuschränken, Nathan. Gebrauchte Macs zaubern wir nicht mal eben aus dem Hut, auch wenn dir das so vorkommen mag. Nimm neue und du hast die Lieferung schon Morgen in einem deiner heiligen Räume stehen.“

„Mach dich nicht lustig, Rys. Ich habe dich erst gestern gefragt. Kein Grund, so aus der Haut zu fahren. Neue Computer werden sogar mir unter der Nase weggestohlen, also möchte ich lieber die lahmarschigen, gebrauchten Dinger, die ihr irgendwo zusammenbastelt. Das ist dann letztendlich billiger, als ständig neue kaufen zu müssen. Abgesehen davon, dass die Schwestern denken werden, ich wäre selbst irgendwo eingebrochen, wenn da plötzlich nagelneue Geräte stehen. Niemand in New York ist so großzügig und spendet fünfzig bestens ausgestattete Informatikstationen. Das weißt du genauso gut wie ich. Schon gar nicht für einen Haufen Jugendliche, die von der Gesellschaft längst aufgegeben wurden.“
Nathan sah keinen Grund, so eine verstimmte Reaktion zu bekommen und verteidigte sein Anliegen zum wiederholten Mal. Die allgemeine Partystimmung hatte hier wohl einen Halt gemacht. Aber kein Wunder. Wenn dem Orakel der Sinn nach Prophezeiungen stand, dann gab es meistens weder einen Grund zum Feiern, noch einen um sich zu freuen. Zumindest nicht für die Warrior.

„Entschuldige bitte, Reverend. Gnade meiner verlorenen Seele.“
Es war Rys deutlich anzumerken, wie sehr ihn die Party hier in schlechte Laune versetzte und er verbarg nicht eine Sekunde lang den Zynismus, den er über die Rolle, die sein Freund spielte, empfand. Nathan mochte sich noch so sehr hinter seinem neuen Glauben verstecken, um inneren Frieden zu finden, doch letztendlich kannten sie alle die alten Schriften. Die heilige Jungfrau Maria, die so lieblich von den Fenstern der alten Kirche, in der Nathan sein Heim gefunden hatte, herab lächelte, war nichts weiter als eine Breed gewesen, die von einem der alten Warrior namens Ghod ganz und gar nicht jungfräulich geschwängert worden war, danach einen Sohn bekommen hatte, dessen Fähigkeiten unglaublich, letztendlich aber unnütz gewesen waren, als er den Römern in die Hände fiel. Nicht einmal das Orakel hatte ihn vor dem qualvollen Tod schützen können. Das Gerede von Auferstehung und dieser blödsinnigen Kreuzigungsgeschichte war erst viel später hinzugekommen. Die menschliche Rasse erzählte gern. Vor allem die Unwahrheit. Rys war sich nach über 300 Jahren auf diesem Planeten ziemlich sicher, dass für sie kein Gott existierte.

„Okay, Freunde! Frieden!“
Damon ging dazwischen, bevor es wider Erwarten zwischen Rys und Nathan doch noch zu einer Auseinandersetzung kommen sollte. Das hier sollte ein feierlicher Abend zu Ehren ihrer Rasse werden und nicht in einem Gemetzel zwischen zwei Kriegern enden, das nur durch Missverständnisse entstand, weil der eine den anderen unbedingt falsch verstehen wollte.

„Wenn du was zum Abreagieren brauchst, Rys, hätte ich da was Schönes im Angebot. Das gilt natürlich auch für alle anderen Jungs. Hauptsache, ich bin die da für eine gewisse Weile los.“
Damon grinste und deutete auf Tulip, die ihn gerade nur losgelassen hatte, weil er ihr etwas zu trinken holen wollte. Eine dreiste Lüge, um sich endlich der hübschen Jinx annähern zu können, die mittlerweile von einem ganzen Schwarm von Verehrern umringt war. Eine Tatsache, die normalerweise nur ihm in weiblicher Form zuteilwurde. Sie beide würden hervorragend zusammenpassen. Natürlich nicht für immer, aber an die Zukunft musste er ja wohl heute noch nicht denken. Im Gegensatz zu den zwei Harpia-Brüdern. Die konnten einem ganz schön leidtun. Das Orakel hatte große Pläne mit ihnen. Giga-große Pläne. Davon konnte einem schlecht werden. Und so wie Ron aussah, plagten ihn bereits ordentlich Magenschmerzen. Damon konnte sich gerade noch davon abhalten Here comes the Bride zu pfeifen. Dafür hätte er sich wahrscheinlich Eine gefangen.

Rys lehnte Damons Angebot mit einem Grummeln ab und verlangte von Ash das Gleiche zu trinken wie sein Bruder. Ihm stand der Sinn nicht nach Sex sondern nach einem ordentlichen Kampf. Während Theron nämlich ihrer Mutter entkommen war, hatte man ihn sogleich in Beschlag genommen und einigen Damen vorgestellt, die sich so wunderbar als Soulmate machen würden, wenn er denn nur wollte. Die Warrior waren doch keine Preisbullen für den Viehmarkt. Und er hielt es so wie Ron. Es gab keine Frau auf diesem Planeten, die sich dauerhaft an ihn würde binden wollen, wenn Gefahr sein zweiter Vorname war. Es sei denn, man hatte sie zu einem lammfrommen, nicht widersprechenden Weib erzogen, wie es sie hier in diesem Raum zuhauf gab. Rys wollte keinen stummen Brutkasten an seiner Seite, der ihn anbetete und auch keine Zicke, die ihn kastrieren würde, wenn sie ihnen Willen nicht bekam. Er wollte… ja, was wollte er eigentlich? …Er hatte nicht die leiseste Ahnung.

„Du kriegst deine Computer Mitte nächster Woche, Nat. In Ordnung?“
Rys nippte an seinem Drink und Nathan stieß mit ihm zur Versöhnung an. Er hatte sich ein Glas Wasser kommen lassen.

„Sicher. Kein Problem. Die Kirche dankt.“

„Ach, komm hör auf damit!“ Rys rollte angewidert mit den Augen und nahm diesmal einen größeren Schluck.
„In Wahrheit bist du doch nur scharf auf den Haufen Nonnen, mit dem du zusammen arbeitest.“

Nathan verschluckte sich fast. Das entsprach überhaupt nicht den Tatsachen. Er war nicht scharf auf irgendwelche Nonnen. Die Damen waren sich ihres Glaubens und ihren Aufgaben so sicher, dass er ihnen in keinem Fall zu nahe treten konnte. Wenn überhaupt dann nur einer, aber Schwester Ruth war viel zu nett, vielleicht auch ein bisschen zu naiv, um in ihm etwas anderes als den Reverend zu sehen. Sie würde auch heute Nacht mit einem kleinen Imbiss in dem Vorzimmer zu seiner Kammer auf ihn warten. Ohne Fragen zu stellen und ohne auf die vielen Waffen zu achten, die er stets zur Verteidigung an seinem Leib unter den Kleidern verborgen trug. Sie leistete ihm gern Gesellschaft, urteilte nicht, bewunderte ihn für das, was er tat, würde aber wahrscheinlich ins genaue Gegenteil verkehren, wenn sie wüsste, was genau er Nacht für Nacht an der Seite seiner Brüder tat und getan hatte. Sie stellte keine Fragen und er erzählte niemals von dem, was sich auf der Straße zutrug. Es war zu grausam, um ein in seinen Augen unschuldiges Mädchen wie Schwester Ruth damit zu belasten. Sie hatte schon viel zu viel gesehen. Keiner von ihnen war blind. Nicht einmal die Menschen, auch wenn sie meistens wie ein Haufen verblendeter Karnickel durch die Gegend liefen und dennoch behaupteten, von allem eine Ahnung zu haben, obwohl ihr gesamtes Leben nicht einmal ein Bruchteil der Spanne eines Immaculates ausmachte.

„Ray, erinnere mich daran, beim nächsten Mal gleich auf dich zurückzukommen, Bruder. Auf Rys’ Schultern lastet eine zu große Aufgabe, die keine anderen neben sich duldet. Er ist im Begriff, sich zu binden. Da sind fünfzig kleine Computer wahrlich zu viel verlangt.“
Nathan stellte sein Glas ab, klopfte Ray kameradschaftlich auf die Schulter, weil er von ihm keine Widersprüche in spitzfindigem Ton zu erwarten hatte und nickte verbindlich in Rons Richtung, um sich für den heutigen Abend zu entschuldigen. Vielleicht war es besser, wenn er das Castle jetzt verließ. Das Orakel würde ihm nicht böse sein. Er erfüllte ja sonst ausnahmslos jeden ihrer Wünsche.

Rys murmelte ein noch viel brummigeres Arschloch und Nathan gab mit einem Tulip-gleichen Lächeln zurück, dass sie nun gewiss für den Abend quitt wären.
Ray hatte sich der Unterhaltung bisher enthalten, nicht weil er nicht sprechen konnte. Er hielt sich meist im Hintergrund, auch wenn er einem der wichtigsten Häuser angehörte, die gemeinsam mit dem Haus der Harpia die neue Welt erobert hatten. Er war von Natur aus zurückhaltend und schweigsam. Beinahe schon ein Eigenbrötler, weshalb er sich auch der Technik verschrieben hatte, die ihn des Sprechens enthob. In diesem neuen Jahrtausend war so viel möglich. Er konnte stundenlang in der Einsatzzentrale über ihren Computern brüten, um sie zu verbessern oder ihre Dateien auf Vordermann zu bringen.
Allerdings waren sie alle heute sehr nachdrücklich daran erinnert worden, dass sie zwar zu den mächtigsten Vertretern ihres Geschlechts gehörten, aber immer noch einer höheren Macht unterworfen waren.

Devena Morrigan war bisher sehr nachsichtig mit ihm gewesen, weil sie seine Geschichte als eine der wenigen neben dem Orakel kannte. Manchmal schien es unfassbar, dass er, das Kind einer Aryanerin, zum Warrior aufgestiegen war. Die meisten Familien waren der Meinung, dass er wirklich der Nachkomme der Patrona des Hauses Averon wäre. Es war keine Seltenheit, dass die Kinder der Häuser ihren Müttern kaum ähnelten, besonders wenn sie sie von Breed-Männern empfingen.
Manchmal empfand er tiefes Mitleid für die andere Rasse, die sich so gegen Neuerungen sperrte und ihre Möglichkeiten, in der Welt zu bestehen, zunichtemachte. Er vermutete, dass dieses abgeschiedene Leben einfach zu viele enge verwandte Nachkommen hatte entstehen lassen, die immer mehr ihrem Blutdurst verfielen, weil er sich über die Generationen zu potenzieren schien.

Hätte seine Mutter nicht den Mut zur Flucht aufgebracht, dann wäre er einer von ihnen. Er selbst hatte seine Pflicht immer außerhalb der Vampirfamilien erfüllt, obwohl einige der jungen Vampirdamen ihm Avancen machten. Als er den flüchtigen Blick des Orakels auffing, krampfte sich sein Herz kurz zusammen. Er verstand auch ohne Worte, dass ihr Orakelspruch nicht nur Theron und Chryses betraf, auch wenn die beiden zuerst fallen mochten. Wenn man es als Fall bezeichnen konnte, seinem Schicksal zu begegnen, das einem die höchste Erfüllung versprach. Sie hatten es mit Orsen doch tagtäglich vor Augen, oder nicht?

Natürlich kannst du auf mich zukommen. Ich kümmere mich darum, keine Sorge. Ich finde schon Modelle, die nicht gleich beim nächsten Hehler enden. Rys hatte mir schon längst ein Memo geschickt.-, gab Ray per Telepathie zurück. Er hatte nie die Zeichensprache gelernt, weil er durch die mentalen Fähigkeiten seiner Rasse nicht dazu gezwungen gewesen war.
In der Welt der Sterblichen hatte er früher schlicht Papier und Bleistift benutzt, wenn es nicht anders ging. Allerdings konnte er den meisten Menschen weismachen, dass sie ihn tatsächlich sprechen hörten. Er wusste allerdings nicht, ob sich seine Stimme so anhören sollte. Die anderen klangen mental so, wie sie sonst auch sprachen. Galt das auch für ihn?

Außerdem waren wir alle gemeint, Nathan. Computer werden bald dein geringstes Problem sein, Reverend.
Rays Worte klangen nicht spöttisch oder herablassend. Er stellte nur sachlich fest, dass der Bloodrite dieses Mal nicht eine einfache Feierlichkeit für sie gewesen war.
Die letzten Male war auch kein Warrior-Blut geflossen, das eine große spirituelle Macht besaß. Das Orakel hatte ihnen eine ganz schöne Lektion erteilt, die großen Krieger daran zu erinnern, dass sie nicht nur zum Kämpfen auf der Welt waren.


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Fortsetzung: Band 1 – Die Saat der Makellosen